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Mittwoch, 4. Februar 2009

Selbst der längste Weg...

... fängt mit einem kleinen Schritt an. Also habe ich angefangen, meine Methode zu begründen (danke für die Hinweise in den verschiedenen Kommunikationskanälen!).

Die Problematik hinter den Methoden ist vllt. nicht unbedingt jedem klar, deswegen noch einige Worte dazu.
Die Psychologie hatte mehr oder weniger schon immer einen Anspruch, als Naturwissenschaft begriffen zu werden, etwas was Weizenbaum (1978)* übrigens scharf kritisiert. Seiner Meinung nach versucht die Psychologie seit langem, sich als Naturwissenschaft zu etablieren, indem sie deren erfolgreichsten Zweig nachahmt, nämlich die Physik, ohne allerdings genau zu verstehen, was die Physik mehr zu einer Naturwissenschaft macht als die Psychologie. Sie habe "die am meisten ins Auge fallende Eigenschaft der Physik, deren sichtbaren vorliegenden Umgang mit Zahlen und mathematischen Formeln irrtümlich für das gehalten, was eine Naturwissenschaft wesentlich ausmacht. Große Bereiche der Psychologie haben deshalb versucht, sich so weit wie möglich zu mathematisieren, zu zählen, zu quantifizieren, ihre Zahlen mit Variablen gleichzusetzten ... und die neu gefundenen Variablen, genau wie es die Physiker machen, in Gleichungssysteme (am liebsten in Differenzialgleichungen) und in Matrizen einzusetzen" (Weizenbaum, 1978*, S. 212 f.).
Große Fortschritte der Psychologie wurden durch qualitative oder Einzelfallanalysen erzielt - siehe Freud, Jung, Piaget, usw. Allerdings hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend etabliert, dass Psychologie experimentell ablaufen soll. Das bedeutet, dass eine (oder mehrere) Variable(n) unter sonst möglichst konstant gehaltenen Bedingungen verändert wird. Dazu wurden z.B. Laborsituationen und Fragebögen entwickelt, die für alle Versuchspersonen gleich sind. Die Ergebnisse können dann durch verschiedene statistischen Berechnungen ausgewertet werden. Dazu ist es notwendig, dass eine ausreichend große und neutrale (i.S.v. nicht vorselektierte) Stichprobe vorhanden ist, und dass diese möglichst die (eine bestimmte) Gesamtpopulation widerspiegelt. Es gibt Verfahren und Berechnungsmethoden, um Stichproben zu suchen/finden. Die Ergebnisse quantitativer (statistischer) Auswertung können signifikant sein oder Trends angeben. Sie können auch nicht-signifikant sein. Es kann berechnet werden, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass das Ergebnis ein zufälliges ist. Man kann eine ganze Menge damit machen. Für viele Forschungsfelder ist es eine prima Methode. Genau das ist auch schon der Punkt. Für viele bedeutet eben nicht für alle.
Diese Arbeitsweise ist aber praktisch die einzige anerkannte Methode in der Psychologie.
Wenn man schon weißt, was man forscht, kann es seine Berechtigung haben. Aber ich frage nach dem "Warum" (eigentlich eine recht verpönte Frage, aber die Motivation ist das, was mich am meisten interessiert). Und diese Antwort MUSS, von ihrer Natur her, offen sein. Deswegen MUSSTE ich qualitativ arbeiten.
Qualitativ (oder explorativ) arbeiten bedeutet, dass ich möglichst offen bin. Ich gebe keine Antworten vor, habe nur grobe Stichpunkte, welche Themenfelder in einem Interview auftauchen sollten. Somit habe ich die Freiheit (=Flexibilität), auf die Punkte einzugehen, die meinen Interviewpartnern besonders wichtig erscheinen. Es geht nicht darum, was ist, sondern darum, wie es von den Interviewpartnern verstanden, wahrgenommen, empfunden wird.
Man nehme sich ein Phänomen - z.B. Computerspielen. Wenn man quantitativ arbeitet, macht man sich Gedanken darüber und überlegt sich, was man gerne wissen möchte. Dann entwickelt man einen Fragebogen, lässt eine kleine Anzahl von Personen diesen ausfüllen, merzt evtl. vorhandene Unverständlichkeiten aus, stellt diesen bspw. ins Internet und lässt ihn von 2000 Leuten beantworten. Dabei passieren manche Dinge, z.B. das, was Lamnek (2005)* "restringierte Erfahrung" nennt: man bekommt nur das, woran man schon gedacht hatte. Wahrscheinlich kennt das jeder, der schon mal einen Multiple-Choice-Fragebogen ausgefüllt hat: Fragen, wo keine Antwort zutrifft. Man antwortet einfach irgendwas, weil man keine Ausweichsmöglichkeit hat. Wenn man qualitativ arbeitet, dagegen, kann man sich überraschen lassen. Kann Zusammenhänge erkennen, die einem selber niemals eingefallen wären, weil man Menschen reden lässt und einfach zuhört. Ich denke, eine quantitative Umfrage wäre eine super Ergänzung für meine Erkenntnisse aus der qualitativen Arbeit. Aber diese Umfrage würde keinen Sinn machen, solange es nicht eine Theorie dahinter gibt, die ich nur explorativ aufstellen kann... Beide Methoden müssen aufeinander aufbauen!

Natürlich gibt es auch an der qualitativen Methode eine große und berechtigte Kritik. Ich denke da noch nicht mals an die geringe Zahl und die Stichprobenwahl oder an die fehlende statistische Analyse. Ich denke viel eher daran, dass ich als Forscherin zum Teil der Daten werde. Dass es nicht möglich ist, sich vollständig zu objektivieren, dass man trotz aller Selbstreflexion manche Teile seines Selbst übersieht. Wenn ich die Interviews frei führe, dann werde ich auf die Punkte eingehen, die mir eben besonders wichtig erscheinen und andere vernachlässigen, die ein anderer vielleicht als die zentralen erkannt hätte.
Man sieht, es arbeitet in mir. Es ist leicht, die quantitative Methode zu kritisieren und sich darüber zu ärgern, dass sie praktisch als die einzige Alternative angesehen wird. Viel schwieriger ist es, hieb- und stichfest - trotz Kritikpunkte! - zur eigenen Methode zu stehen...


*
LAMNEK, Siegfried: Qualitative Sozialforschung. Weinheim : Beltz Verlag, 2005
WEIZENBAUM, Joseph: Die Macht der Computer und die Ohnmacht
der Vernunft. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1978

Sonntag, 9. März 2008

Joseph Weizenbaum ist tot

Am Mittwoch, den 05. März 2008 verstarb Weizenbaum 85-jährig in Berlin.
Und es gibt Leute, die nicht mehr wissen, wer er war!
Solche großartigen Menschen dürften niemals vergessen sein!
Meine gutinformierten Blogleser wissen es: ein Pionier der Informatik, der den C64 miterschuff und das Programm ELIZA erstellte und damit ein Meilenstein der künstlichen Intelligenz setzte, aber mehr als das: ein Informatikkritiker, der die Verantwortung der Wissenschaftler immer wieder betonte, und mit seiner Denkweise viele Wissenschaftler - mich eingeschlossen - stark prägte.
Auch wenn es in den letzten Jahren ruhiger um Weizenbaum wurde, seine Schriften - für mich insbesondere "Die Macht der Computer und die ohnmacht der Vernunft" und "Computermacht und Gesellschaft" - werden hoffentlich auch das Denken der zukünftigen Forscher weiter prägen.
Wir bedenken seiner.

"Jedes Individuum [muss] so handeln, als ob die gesamte Zukunft der Welt, der Menschheit selbst, von ihm abhänge. Alles andere ist ein Ausweichen vor der Verantwortung und selbst wieder eine enthumanisierende Kraft, denn alles andere bestärkt den einzelnen nur in seiner Vorstellung, lediglich eine Figur in einem Drama zu sein, das anonyme Mächte geschrieben haben und sich als weniger als eine ganze Person anzusehen, und das ist der Anfang vom Passivität und Ziellosigkeit. ...
Aber die Tatsache, dass jeder einzelne für die ganze Welt verantwortlich ist und dass die Befreiung von dieser Verantwortung zu allererst erfordert, dass jeder einzelne sich selbst gegenüber verantwortlich ist, bedeutet nicht die Leugnung, dass wir alle gegeneinander Pflichten haben." (Weizenbaum, Die Macht der Computer und die ohnmacht der Vernunft (1978), S. 348/349)

Es gibt menschliche Funktionen, die nicht durch den Computer ersetzt werden sollten; nicht weil es nicht geht, sondern weil es moralisch nicht vertretbar ist. "Respekt, Verständnis und Liebe sind keine Probleme, die mit Technik zu tun haben." (Weizenbaum, Die Macht der Computer und die ohnmacht der Vernunft (1978), S. 352)

Samstag, 8. März 2008

Nach dem Clash...


... ist vor dem Clash. Die Clash of Realities wird auch wieder in 2010 zum 3. Mal stattfinden.
Erstmal das Offensichtliche: was für eine gigantische Organisation. Geld zu haben ist doch etwas Wunderbares. Die Technik war perfekt, die Dekoration auffallend gut gemacht, die Hostessen freundlich. Das war so eine Tagung, wie Wissenschaftler sie eher selten kriegen. Und EA war zwar bei der Infrastruktur topbeteiligt, aber bei der Tagung selber sehr im Hintergrund. Vom Inhalt her war es eine wissenschaftliche Tagung ohne Sponsor, fand ich wirklich bewundernswert!

Hier mal ein Bild von Winfried Kaminski auf der Bühne (ich saß in der hintersten Reihe):

Meine Highlights: natürlich das Networking, an aller erster Stelle. Habe ein Paar Leute persönlich kennengelernt (mit denen ich schon lange emaile, chatte oder blogge), andere, von denen ich noch gar nicht wusste, dass es sie gibt, und habe natürlich auch viele Bekannte wiedergetroffen. Schade dabei war nur, dass ich an der Abendveranstaltung nicht teilnehmen konnte, da ich in Wuppertal bei meiner Kusine Jenni war.
Zu den einzelnen Vorträgen:

Claus Pias von der Uni Wien referierte über epidemiologische Berechnungen, die anhand der "corrupted blood"-Seuche, die im September 2005 (nach einem Patch) die Azeroth-Welt erschütterte, durchgeführt werden.
Ob diese Berechnungen Sinn machen oder nicht sei mal dahin gestellt, allein schon deshalb, weil manche Spieler, die ansteckend waren, von ihrer Gruppe am Leben erhalten wurden (durch Healing), um möglichst viele andere anzustecken (siehe auch videos auf Youtube). Ich meine, es hat zwar eine makabre Ähnlichkeit zu Bemühen der heutigen Medizin, auch ansteckende Menschen möglichst lange am Leben zu erhalten, aber die Wenigsten versuchen wirklich aktiv andere zu infizieren (anders als im Spiel). Aber die Idee, Menschen zu Simulation von Menschen zu nehmen, fand ich doch durchaus anziehend.
Die Virtualität und die Realität vermischen sich auch im Bereich der Simulationen zunehmend, was man z.B. bei Amazon sehr gut erkennen kann.

Maria von Salisch
, Autorin von den KUHL-Studien trug ebenfalls Anregendes vor. Sie ging auf die Ergebnisse von KUHL 1 und 2 ein, und stellte auch noch die von KUHL 3 vor.
Sie geht nach der Huhn-und-Ei-Frage vor: was war zuerst da, Aggressivität oder aggressive Spiele? Wirkt sich also die Aggressivität auf die Spielauswahl oder aber die Spielart auf die Aggressivität aus? Von ihr und ihren 2 Doktorandinnen stammt auch das Buch "Computerspiele mit und ohne Gewalt: Auswahl und Wirkung bei Kindern".
Es gibt Faktoren, die die spätere Aggressivität von Kindern vorhersagen kann, bei Jungen insbesondere das "Family Monitoring" (also wie sehr die Eltern kontrollieren was die Kinder machen, korreliert negativ, also umso weniger Kontrolle, desto aggressiver) und die Herausforderungssuche, während bei Mädchen die Persönlichkeit die zentrale Rolle einzunehmen schien.

Elisabeth Hayes (Arizona State University) berichtete, wie sie bei Mädchen durch Spiele wie Sims und Second Life das Interesse für Technisches (Programmieren, Inhalte erstellen) wecken und sie motivieren können, einen Haufen Zeit darin zu investieren. Dabei blieb für mich die Frage unbeantwortet, ob Männer und Frauen nicht einfach unterschiedliche Bedürfnisse haben, so dass das Programmieren Männern tatsächlich auch leichter fällt (ich denke dabei auch an Weizenbaums zwanghafte Programmierer).

Bert te Wildt und Silvia Kratzer referierten über die Abhängigkeit von Spielen. Beide stellten fest, dass bei Computerspielabhängigen (fast) immer eine andere psychische Störung vorlag, meistens eine Depression oder eine Adjustement disorder. Te Wildt stellte noch eine Staffelung der Abhängigkeiten vor: stoffgebundene, Abhängigkeit von körperlicher Aktivität, stoffungebundene und Abhängigkeit von komplexen Verhaltensweisen.

James Gee spricht von Spielen als Grundlage zum Erlernen von Lösungsmöglichkeiten für komplexe Probleme: die Welt in anderer Form wahrnehmen und überdenken, um neue Handlungsmöglichkeiten zu vermuten / überlegen / ausprobieren.

Am nächsten Tag hatten wir noch einen Doppelvortrag aus Wien (Konstantin Mitgutsch von der Uni und Herbert Rosenstingl von der BuPP).
Der Eine brauchte eine Klassifizierung für Spiele, der Andere versuchte sie durchzuführen. Dazu verwendete Mitgutsch Begriffe der Entwicklungspsychologie, und unterteilte (zumindest theoretisch, eine praktische Umsetzung scheint noch nicht gegeben zu sein) die Spiele in verschiedene Altersgruppen je nach Reifestufe.

Anna Gough-Yates von der Uni London berichtete über die Medienausbildung in Großbritannien und Jörg Müller-Lietzkow machte den Abschluss mit vielen aktuellen Zahlen über das Spielen.

Anschließend ging noch ein Großteil der AG-Games in eine Dönerbude Mittagessen, und die, die nicht bleiben konnten (wie ich) zerstreuten sich wieder in alle Winde.

Auf der Rückfahrt merkte ich schon, wie geschafft ich eigentlich bin, und freue mich, jetzt einige ruhige Tage zu haben, um alles zu verarbeiten...

Freitag, 18. Januar 2008

Die fabelhaften Launen des LaTeX

Zuallererst muss ich mich bei all denen entschuldigen, denen ich im letzten Post einen Schrecken eingejagt habe. Aber die Vorlage war zu gut - und außerdem habe ich das genauso bekommen. Was man doch alles bereit ist zu glauben, nicht? :)

Tja, in den letzten Tagen hatte ich - Dank meiner Stirn- und Nasennebenhöhlenentzündung - die Möglichkeit, ein bisschen was an der Diss zu machen. Allen ernstes, ich könnte mich daran gewöhnen, mit dem Laptop im Bett zu arbeiten! :)
Ne, im Ernst: außer den Schmerzen - die in der Wärme auch besser werden - gehts mir ganz gut. Gelegentlich schlafe ich einfach ein. Manchmal bin ich stundenlang unbrauchbar. Aber dann habe ich helle Momente, die doch ganz brauchbar sind.
So heute, wo ich mich endlich an die Typen dran gemacht habe.
Stimmt so natürlich auch nicht: ich hatte schon einiges gemacht. Hat mich sehr gefreut zu sehen, dass der Explorer schon recht fortgeschritten war. Viele Zitate der Interviewpartner schon eingebaut, die Theorie war noch ziemlich schwach. Aber das habe ich heute immerhin fertiggestellt.
Ein ganz interessanter Aspekt war Weizenbaums Beschreibung des zwanghaften Programmierers. Seine Beschreibung ist zwar recht karikiert, aber der Inhalt deckt sich halt 1:1 mit den Kompetenzmechanismen, die ich dem Ganzen zugrundelege.

"Der Programmierer ist ... der Schöpfer von Universen, deren alleiniger Gesetzgeber er selbst ist. Das trifft natürlich für jeden Erfinder eines Spiels zu. ... Außerdem handeln die so formulierten und entwickelten Systeme ihren eigenen Programmen gemäß. Sie gehorchen bereitwillig ihren Gesetzen, und ihr folgsames Verhalten macht sich allenthalben bemerkbar. Kein Dramatiker, kein Regisseur und kein noch so mächtiger Herrscher haben jemals eine so absolute Macht ausgeübt, eine Bühne oder ein Schlachtfeld zu arrangieren und dann so unerschütterlich gehorsame Schauspieler beziehungsweise Truppen zu befehligen.
Es wäre erstaunlich, wenn Lord Actons Beobachtung, dass Macht korrumpiert, nicht für eine Umwelt gelten würde, in der Omnipotenz so leicht zu erringen ist. Sie gilt auch hier" (Weizenbaum, 1978, S. 160).
...
Hierbei geht es um Bestimmtheit. Der Programmierer befindet sich in einer durchaus bestimmten Welt. Er kennt sie genauestens – weil er sie erschaffen hat. Die Reichweite seines Schaffens erfüllt ihm mit Kompetenz – und Stolz auf die eigene Schaffung.

Umgekehrt besteht die Gefahr, dass sich eine solche Welt nicht so verhält, wie der Programmierer es erwarten würde. In diesem Moment steigt die Unbestimmtheit ins Unermessliche, was eine schlagartige Verringerung der Kompetenz mit sich bringt: "Tatsächlich erreicht die fieberhafte Erregung des zwanghaften Programmierers ihren Höhepunkt, wenn er einem äußerst widerspenstigen Fehler auf der Spur ist; wenn eigentlich alles funktionieren müsste, aber der Computer all seinen Bemühungen Hohn spricht und sich mysteriös, das heißt scheinbar unerklärlich verhält. Spätestens zu diesem Zeitpunkt zeigt sich, dass das vom Programmierer selbst geschaffene System nunmehr ein Eigenleben führt und ohne Frage seiner Kontrolle entglitten ist". Das Fehlverhalten des Programms kann aber nur eine Folge dessen sein, was der Programmierer getan hat. Die Kompetenz und das Selbstvertrauen sind also angeschlagen. Aber: "was er getan hat, kann er wahrscheinlich gedanklich nachvollziehen, auseinander nehmen und wieder zusammensetzen, damit es seinen Zwecken besser dient. Dementsprechend nähern sich seine Stimmung und Aktivität der Raserei, wenn er glaubt, kurz vor der Entdeckung des Fehlers zu stehen" Weizenbaum (1978, S. 165).

Seabrook (1997) berichtet, wie er selber in einer solchen Situation steckte: "Plötzlich fror mein Bildschirm ein. Was war passiert? Ich wusste, dass (was immer ich auch getan hatte) es sich nur um einen geringfügigen logischen Fehler handeln konnte, aber ich konnte ihn nicht ausmachen. Ein Gefühl von Hilflosigkeit und Frustration überkam mich, und so wie Salzwasser, das in ein Pantoffeltierchen eindringt, sprengte es meine Fähigkeit, logisch zu denken. Es gibt nichts in der Welt, was so viel Verachtung verdient wie eine Maschine, die zu dumm ist, um das zu tun, was sie eigentlich tun soll". Dies ist der entscheidende Zeitpunkt, in dem die Kompetenz unter die Alarmmarke sinkt, und die Handlungsfähigkeit erheblich schon deshalb beeinträchtigt, weil der Mensch die Fähigkeit verliert, an seinen eigenen Erfolg zu glauben. Und ohne Vertrauen in die Ergebnisse, lohnt sich das Versuchen schon oft nicht...

Wenn er den Fehler schließlich gegen Widerstand endlich finden und in seine Schranken weisen kann, steigt die Kompetenz, und ein Gefühl des Jubels und des Siegs macht sich breit. Aber "der stolz und die gehobene Stimmung des zwanghaften Programmierers sind nur von kurzer Dauer. Sein Erfolg besteht darin, dass er dem Computer gezeigt hat, wer der Herr ist. Und nachdem er bewiesen hat, dass er den Computer zu solchen Leistungen trimmen kann, fängt er unverzüglich an, noch mehr aus ihm herauszuholen. So beginnt der ganze Kreislauf wieder von vorn" Weizenbaum (1978, S. 166). So ist jeder Machtbeweis gleichzeitig eine Herausforderung, sich selbst zu übertreffen. Jedes Auffüllen des Kompetenztanks ist gleichzeitig das Zeichen dafür, dass aus diesem Vorgang keine weitere Lust zu holen ist. Die Unbestimmtheit ist reduziert, die Unsicherheit assimiliert. Deswegen braucht er die nächste Herausforderung, die nächste Unbestimmtheit, die es zu reduzieren gilt, um seinen rapide absinkenden Kompetenzlevel zu halten.

So, schlüssig, nicht wahr? Ja. Nur irgendwas davon gefiel meinem LaTeX nicht. Ich kann nicht mehr "PDFen". Ich kann kompilieren, aber keine Datei daraus erstellen. Nice.
Als ich Whiskas um Hilfe bat, kriegte ich Antworten wie:

Ricardo: other than that.. I dunno
latex is a bit of magic
you have to do the offerings and sacrifices and rites in a certain order
or the gods won't be pleased and it won't work

Monica: you know whats really bad about it??
i just wrote about programming

Ricardo: oh, than it's quite clear THAT is the reason
you disrupted the flow of energy from the other chapters!
:P


Noch nicer. Naja, jetzt läuft die Fehlersuche auf volle Touren. Am Titel liegts nicht, an der Dateistruktur liegts nicht. Im Grunde genommen kann es wirlich nur daran liegen, dass LaTeX irgendwas, was ich geschrieben habe, nicht passt. Oder noch viel schlimmer: es versteht den Text, versteht seine Konsequenzen und wendet es eben deswegen gegen mich an...
Sein Ziel kann es nur sein, meine Kompetenz unter die Alarmgrenze zu bekommen, um mich so zum Aufgeben zu zwingen.
(Ok, ich glaube, mein heller Augenblick ist beendet! ;) )
Aber wenn Dylan Avery (sehr empfehlenswerter Film!) Verschörungstheorien entwickeln kann, kann ich das wohl auch! ;)

Donnerstag, 9. August 2007

Auch wenn Weizen nicht auf Bäumen wächst...

Ich kann nichts dafür, dieser Mensch inspiriert mich! :)
Ich habe jetzt Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft fertig zusammengefasst, aber ein Gedanke (S. 45) lässt mich nicht los:
Darum geht es um die Erschaffung der Uhr, einer autonomfunktionierenden Maschine. Obwohl die meisten dies als eine große technische Weiterentwicklung ansehen würden (wo wären wir schließlich heute, wenn es keine Uhren gäbe?!), sieht er das als eine VERARMUNG gegenüber der früheren Erfahrung:
"Diese neu geschaffene Wirklichkeit [war und bleibt] im Vergleich zu früheren eine Verarmung, denn sie beruht auf einer Verwerfung jener direkten Erfahrungen, die die alte Wirklichkeit im Grunde konstituierten und deren Basis ausmachten. Man verwarf das Hungergefühl als Anreiz zum Essen; stattdessen nahm man seine Mahlzeiten ein, wenn ein abstraktes Modell einen bestimmten Zustand erreicht hatte, das heißt, wenn die Zeiger einer Uhr auf bestimmte Marken auf dem Ziffernblatt wiesen."

Das stimmt mich sehr nachdenklich.
Virtual Reality, Second Life, die Welt der Computerspiele, die Nintendo Wii: geniale technische Entwicklungen.
Notwendig, m.E., allein schon deshalb, weil wir eine Lebenswirklichkeit geschaffen haben, in der wir ohne diese Hilfsmittel gar nicht mehr auskommen.
Aber hat er Recht, wenn er behauptet, dass wir immer weiter verarmen, statt immer reicher zu werden?

Mittwoch, 8. August 2007

Oh Weizenbaum, oh Weizenbaum...

Nun hat es doch deutlich länger gedauert, bis ich mich hier wieder einfinden konnte- ein sicheres Zeichen dafür, wie viel ich in den letzten Tagen gearbeitet habe.
Ich habe Dutzende Bücher zusammengefasst, und Dutzende Interviews transkribiert. Aber eins ist so absolut erwähnenswert, dass ich nicht umhinkommen, es hier zu posten (ich habe euch schon von ihm erzählt):

"Die alltägliche Demonstration der Macht unsere Technologie verleiht den Priestern der Kirche, die das alles ermöglichen, eine fast grenzenlose Autorität und Glaubwürdigkeit. Aber während die Triumphe der Technologie sich häufen, wird die zugrundeliegende Naturwissenschaft immer abstrakter und damit für die Öffentlichkeit, sogar für die gebildete Öffentlichkeit, undurchschaubarer, sogar unverständlicher. Paradoxerweise erhöht dieser Umstand die Inbrust der Gläubigen. Immer mehr Menschen leiden bis zur Verzweiflung an dem Gefühl einer unkündbaren Entlegenheit eines ganzen Kontinents von grundlegendem Wissen unserer Zeit. Dies führt zu einem Verlust des Selbstvertrauens und der Selbstsicherheit in Bezug auf die eigenen intellektuellen Fähigkeiten. Umso mehr steigt die Abhängigkeit von Experten einschließlich den Priestern der Naturwissenschaften." (WEIZENBAUM, Joseph. Computermacht und Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2001, S. 37)

Ach, so macht das Arbeiten Spaß... :)

EDIT: Und weils gerade so schön war, aus dem gleichen Buch, ein paar Seiten weiter (S. 77):

"Ich glaube, dass das Einstein meinte, als er sagte, es sei erstaunlich, es sei ein Wunder, dass wir überhaupt etwas von der Welt lernen können mit den komischen Methoden der Naturwissenschaft. Es ist eine sehr komische Methode, bei der man fast alles auslässt. ... Viele Modelle bedeuten viel mehr Parameter, aber immer wird fast alles ausgelassen. Und ich glaube, dass das unserer Welt, unsere Denkwelt ist. Sie besteht fast ganz und gar aus Modellen."

Mittwoch, 27. Juni 2007

Umzüge, Umwälzungen und Entwicklungen

Ein Wunder, ein Wunder, es gibt mich noch.
Die Telekom streikt, wenn es darum geht, neue Verträge anzuschließen, und nicht wenn es darum geht, alte zu beenden. So hatten wir bereits am 15.06 kein Internet mehr (obwohl wir zum 16.06 erst gekündigt hatten), und der Anschluss in der neuen Wohnung wurde nicht wie vesprochen am 01.06 sondern erst am 18.06 durchgeführt. DSL war dann für den 02.07 versprochen und wird sich ebenfalls verspäten. Bis mindestens 06.07 haben wir also nach wie vor kein Internet.
Da ich nächste Woche nicht in der Arbeit bin bin ich also vollkommen von der Welt abgeschnitten. Was Vor- und Nachteile hat! ;)
Vorteil ist, dass ich eh an meiner Diss schreiben will, und da ist es ganz gut, wenn man kein Internet hat, um sich abzulenken. Nachteil ist, dass ich an meiner Diss schreiben will, und da ist es nicht gut, wenn man kein Internet hat, um sich abzulenken. :( Sonnenseite, Schattenseite.
Ich habe in letzter Zeit auch einiges Interessantes gelesen, bspw. die Schriftreihe vom Jürgen Fritz für die Zeitschrift Spielmittel (1983). Außerdem stand Joseph Weizenbaum auf dem Plan (genau, der berühmte Programmierer von ELIZA und Miterfinder vom C64 aus dem MIT). Der Typ ist total cool. War einer der großen Computergenies, bis er Seite wechselte und zu einem seiner schärfsten Kritiker wurde. Er zieht (fast) alles in den Dreck, was mit Computern betrieben wird, weil er den Eindruck hat, dass Menschen die Funktionen von Computern vollkommen verkennen. Der Clou dabei: er kann echt gut argumentieren. Sein Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft ist echt spannend, auch wenn er an manchen Stellen wohl etwas sehr tief greift und sehr weitläufig erklärt (bspw. wie man mit einer Klopapierrolle und weiße und schwarze Steinchen ein Computerprogramm simulieren kann).
Dennoch sehr lesenswert.
Kurz vor dem Schreiben packt mich nochmal kurz die Panik: ich werde niemals bis September fertig. Aber dann kommt die Sonne raus und ich denke mir... Was solls, wirds nicht dieses Jahr, wirds eben nächstes.